re:publica 2011: Urheberrecht, Clicktivism, Diaspora und digitales Leben

Erneut mischten wir uns unter die knapp 3000 Besucher der re:publica in Berlin ( ) - eine ungewohnte Situation für uns Hardwarefetischisten unter all den Bloggern. Nichtsdestotrotz konnten wir vom zweiten Tag der Konferenz viele interessante Denkanstöße und Ideen mitnehmen. Unter anderen stellte uns Maxwell Salzberg mit Diaspora sein Projekt vor, Gunter Dueck referierte über das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem und Markus Beckedahl informierte über die Gründung des Vereins "Digitale Gesellschaft".


Till Kreuzer sprach in seinem Vortrag "Wir sind die Urheber" über die Probleme des klassischen Urheberrechts im Web 2.0. Die sogenannte Remix-Culture, also das Verändern eines bereits vorhandenen Werkes, würde direkt mit ihm kollidieren. In der Rechtsprechung sei ein solches Phänomen nicht vorgenommen. Weiterhin florierte im Web 2.0 die kollektive Kreativität, also nicht das alleinige Schaffen, sondern eine Art der gemeinsamen Wertschöpfung. 

Urheberrechtsverletzung oder kreatives Schaffen?

Außerdem seien sich Laien im Internet kaum der rechtlichen Risiken bewusst, die durch das Downloaden oder Benutzen von Texten, Bildern und Videos entstehen können. "Was frei verfügbar ist, wird auch genutzt, rechtliche Normen werden dabei ignoriert", so Kreuzer. Die Globalität und Anonymität im Internet würde das nur weiter vorantreiben. 

Deshalb fordert Kreuzer einen Ausbau der Kommunikations-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheiten, um kulturelles Schaffen zu bereichern und in vielen Fällen erst zu legalisieren. Anstelle des Urheberrechts sollte, seiner Meinung nach, ein Urhebervertragsrecht stehen, das alle Beteiligten zufriedenstellend rechtlich absichert.

(Bildquelle: www.flickr.com)

Weiter ging es mit Alexander Banfield-Mumb und Judith Schossböck, die über Clicktivism und Slacktivism berichteten. Was das sein soll? Online-Protest via Klick auf "Gefällt mir" oder mutierte Formen davon, allerdings in Bloggersprache verpackt. Konkret ging es um Wege und Mittel, diejenigen Menschen, die auch online ihre Meinung kundtun, auf die Straße zu holen, also offline zu aktivieren. Konkret zeigt sich das beispielsweise am Herren zu Guttenberg. Mehr als eine halbe Millionen Menschen wollten ihn online zurück, auf die Demonstrationen kamen wenige hundert. "Web 2.0 kann kein Ersatz für Realität 1.0 sein" - diesem Statement können wir uns selbstverständlich nur anschließen. 

Richtig interessant wurde es bei Gunter Dueck, welcher über das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem sprach. Viele Unternehmen müssten umziehen, wenn das Internet am Standort nicht schnell genug sei, Immobilienpreise fielen drastisch, wenn kein DSL zur Verfügung stehe. Dueck fordert: Internet für alle. Und zwar viel mehr, als man heutzutage braucht. Das hat einen Grund, denn zukünftige Internetstrukturen könnten sich nur entwickeln, wenn auch immer noch ausreichende Internetreserven ungenutzt zur Verfügung stünden. 

Wanted: Professionals mit Energie, Verkaufstalent, Sinn für Attraktivität und Liebe zum Kunden. Wissen und Fachkenntnis werde laut Dueck in Zukunft immer unwichtiger beziehungsweise sei es sogar schon heute. Seien wir ehrlich mit uns - wie viel mehr wissen wir in unserem Fachbereich als ein "frisch Gesurfter", wie Dueck die Internetnutzer liebevoll bezeichnet, der sich zwei Stunden im Internet informiert hat? 

Dueck fordert Willensbildung statt Wissensbildung frei nach der Theorie, dass Menschen gerne arbeiten, wirksam sein und sich entwickeln wollen. Sicherlich gäbe es auch immer Ausnahmen, aber wichtig sei vorerst, das System nach seinen Wünschen aufzubauen. Eine solche digitale Demokratie beinhaltet auch ein neues Bildungssystem, was dann viel mehr eine Erziehung zum professionellen Internetnutzer darstellen würde. 

(Bildquelle: www.flickr.com)

Maxwell Salzberg, einer der Gründer von Diaspora (wir berichteten), zeigte kurz sein persönliches Erfolgsrezept auf. Nach seiner Meinung gelte es, etwas zu finden, das man liebt. Das müsse dann möglichst einfach angefangen werden, um schließlich von einer dynamischen Begeisterung mitgezogen zu werden. Ideen sollten verworfen werden, weil eh schon neue warten. Weiterhin müsse man häufig und viel veröffentlichen, um das Projekt am leben zu halten. Es gelte aber auch, keine Angst vor dem Scheitern zu haben. Für das Diaspora-Projekt nannte er einen Zeitpunkt in drei bis vier Monaten für den nächsten großen Schritt - vielleicht eine Beta-Phase. 

Markus Beckedahl vom Blog "Netzpolitik" berichtete über die Gründung des Verein "Digitale Gesellschaft". Er ruft auf: "Wir wollen eine offene und freie digitale Gesellschaft erhalten und mitgestalten. Dazu brauchen wir dich, dein Wissen, dein Engagement." Themen des Vereins sind Lobby-Transparenz, Opendata, Datenschutz, Vorratsdaten, Urheberrecht und Netzneutralität. Ziel sei eine Kampagnenplattform - im Übrigen nicht nur für Nerds - und eine allgemeine Interessenvertretung. 

Zu guter Letzt informierten wir uns im Vortrag "Digitales Leben in der analogen Schule" über die Versuche, das Internet auch in die Bildungseinrichtungen zu bringen. Die iPad-Lehrer André Spang und Roman Deeken aus Köln sprach über seine Erfahrungen mit der analogen Schule. Drastischer wurde das bei Felix Schaumburg, der seine digitale Schultasche präsentierte. Sein Ziel als Lehrer war es, alle Bücher aus seiner Tasche zu verbannen und mit einem Tablet zu ersetzen. Sein Problem dabei war, dass sämtliche Verlage von Schulbüchern derzeit keine digitalen Versionen plane. Und auch sonst gibt es in der analogen Bildungslandschaft offenbar so einige Probleme mit dem digitalen Leben.

Anzeige