Feature: Die Smartphone-Besessenheit bei Gamern in Japan

Im Laufe unserer mehrteiligen Japan-Reihe bringen wir euch technische Aspekte und Eigenheiten aus Fernost näher, die man so in Deutschland nicht finden kann. Dazu gehört auch die zweifelhafte Zuneigung vieler Japaner zu Smartphone-Games. Im vorerst letzten Teil unserer Serie gehen wir auf das berüchtigte Geschäft mit japanischen Smartphone-Games ein, die man in dieser Form nicht im Westen findet.


Die Japaner sind aus der Videospielgeschichte nicht wegzudenken, stecken sie doch hinter Meisterwerken wie The Legend of Zelda, Super Mario und Final Fantasy - um nur einige Beispiele zu nennen. Doch wer sich heute in der japanischen Öffentlichkeit umsieht, der wird schnell feststellen, dass inzwischen fast nur noch am Smartphone gezockt wird. Ganz so extrem ist es dann doch nicht - natürlich gibt es auch klassische Konsolen und PCs, auch mobile Geräte wie den 3DS oder eine PS Vita findet man gelegentlich. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass die Japaner die mit Abstand stärkste Zielgruppe für Smartphone-Spiele auf der ganzen Welt sind. Warum ist das so?

Zunächst lohnt sich ein Blick auf die Art und Weise, wie die Menschen in Nippon überhaupt Leben. Die Herzstücke des Landes wie Tokyo und Osaka sind extrem dicht besiedelt, entsprechend stark ist der öffentliche Nahverkehr ausgebaut, vor allem das Schienennetz. Die Züge in Japan fahren zu Stoßzeiten oft im 2-Minuten-Takt und sind extrem pünktlich. Daher sind sie für Millionen Pendler das Mittel der Wahl, um zur Schule oder zum Arbeitsplatz zu kommen. Je nach Entfernung ist es keine Seltenheit, dass man so täglich mehrere Stunden in der Bahn verbringt.

Auch wir Deutschen würden in diesem Fall am ehesten zum Smartphone greifen, um die langen Zeiten im Zug einfacher zu überbrücken. Bei Japanern kommt aber noch hinzu, dass die Arbeitszeiten oft bis in den späten Abend hineingehen. Es ist keine Seltenheit, dass man das Büro erst weit nach 20 Uhr verlässt - viel Freizeit bleibt da nicht, vor allem nicht zum Zocken. Die einzige Ausnahme: Die Zeit, die man jeden Tag im Zug verbringt. Und diese Zeit kann man passenderweise zum Zocken nutzen.

Wie extrem diese Ausprägung ist, zeigt die folgende Grafik aus dem Jahr 2015. Dort geben die Japaner bereits 5,16 Milliarden US-Dollar für Smartphone-Spiele aus. Das ist mehr als in China und fast so viel wie in den USA - dabei hat Japan im Vergleich nur einen Bruchteil der Einwohner. Während der Umsatz mit klassischen Videospielen in Japan sogar rückläufig ist, steigt jener mit Smartphone-Titeln stark an. Inzwischen sind die Japaner die finanzstärkste Käufergruppe für Smartphone-Spiele weltweit.

Nun zurück zur Praxis: Ich habe in meinem Aufenthalt in Japan wirklich viele Smartphone-Zocker gesehen und kann die Statistiken zumindest aus dem Gefühl heraus bestätigen. Aufgefallen ist mir dabei vor allem, dass die Zielgruppe weit gestreckt ist: Sowohl Schüler, als auch Studenten und normale Arbeitnehmer habe ich beobachtet, aufgeteilt in Frauen und Männer gleichermaßen, wobei der Anteil der Männer subjektiv leicht überwog.

Bezüglich der Spiele selbst merkte ich schnell, dass die Japaner fast ausschließlich an heimischen Franchises interessiert sind, also Spiele und auch Animes aus Japan selbst. Das zieht sich quer durch alle möglichen Marken wie wie Love Live, das Fate-Universum, Dragonball, Sword Art Online und Granblue Fantasy. Eines haben die Spiele aber gemeinsam: Als Verkaufsmodell dienen immer Mikrotransaktionen, meist in From von kleinen, addiktiv wirkenden Mini-Lootboxen - in Japan als Gashapon bekannt, die es auch im echten Leben zuhauf gibt - sei es in Form kleiner Anime-Anhänger oder als gar funktionsfähige Miniaturwaffe. 

Auch ich wollte das Spielprinzip selbst austesten und habe mir das Spiel Sword Art Online: Memory Defrag herunter geladen, von dem es übrigens auch eine internationale Version für deutsche Nutzer gibt. Da ich die gleichnamige Anime-Serie schon angesehen habe, war ich mit der Handlung in den Charakteren bereits vertraut. Das Spiel machte mir anfangs auch wirklich Spaß: Die Steuermechanik als 2D-Sidescroller ist schön umgesetzt und die Handlung wirkt authentisch - zumindest für Smartphone-Verhältnisse.

Los ging die Frustration aber, als ich mit der Ingame-Währung "Memory Diamonds" in Kontakt kam. Diese braucht man, um neue Charaktere für sein Team zu finden und letztendlich effektiv im Spiel voran zu kommen. Dabei werden regelmäßig neue Charaktere implementiert, sodass man immer damit beschäftigt ist, noch bessere Spieler zu finden.

Zwar bekommt man einige der eben erwähnten Diamanten im Verlauf der Geschichte umsonst, wirklich viele sind das aber nicht - vor allem, wenn man bedenkt, dass man pro Ziehung 25 Diamanten bezahlt und nur eine Chance von wenigen Prozent besteht, einen wirklich guten Charakter zu bekommen. Der Mechanismus ist dabei komplett zufallsbasiert und damit vergleichbar mit Lootbox-Systemen, wie sie auch in Spielen wie Call of Duty oder Overwatch eingesetzt werden.

Es dauerte nicht lange und ich verlor die Motivation. Denn ich wusste, dass ich ohne Cheats keine Chance hätte, genügend Diamanten zu sammeln, um in absehbarer Zeit ein ordentliches Team mit starken Charakteren zusammenstellen zu können. Im Jahr 2018 gibt es sowas wie Cheats zwar - es heißt jetzt aber Mikrotransaktion und kostet echtes Geld.

Letztendlich spiele ich SAO Demory Defrag nicht mehr und habe auch keinen Euro dort gelassen, aber ich kann zumindest nachvollziehen, warum so viele Spieler dem Druck nachgeben und Geld für digitale Inhalte ausgeben: Das Spiel drängt sie förmlich dazu. Man kann zwar darauf hinweisen, dass jeder selbst für sein Geld verantwortlich ist. Es dürfte aber nicht verwunderlich sein, dass es unter den Millionen Spielern auch solche gibt, die dann ein halbes Vermögen daran verlieren. Am Smartphone zu zocken, finde ich eigentlich toll, weil man sein mobiles Gerät ohnehin fast immer dabei hat. Die derzeitige Umsetzung lässt aus meiner Sicht aber deutliche Sorgen aufkommen.

Fazit

Kritisch sehe ich den Trend zu immer mehr Smartphone-Games auch deshalb, weil dadurch ein Stück Originalität verloren geht. Selbst große Entwickler wie Nintendo und Bandai Namco produzieren immer mehr mobile Spiele, die sich immer weniger voneinander unterscheiden und nur das Ziel haben, durch raffinierte Mechanismen an das Geld der Spieler zu kommen. Die Kunst, großartige Geschichten zu erzählen, gerät hierbei zunehmend verloren. Dabei ist es das, was japanische Spiele erst weltweit berühmt gemacht hat.

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Karim Ammour

Datum:
25.05.2018 | 20:33 Uhr
Rubrik:
Unterwegs
Tags:
Anime Gamer Inapp Japan Mikrotransaktion Mobile Smartphone zocken

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