Feature: Das einfache Bahnfahren in Japan

In unserer mehrteiligen Japan-Reihe berichten wir über besonders interessante technische Aspekte des japanischen Alltags, die es in Deutschland so nicht gibt. Den Anfang macht das bargeldlose Bezahlsystem mithilfe spezieller IC-Karten, welches das Leben für Inländer und Touristen zugleich erheblich erleichtert - und dabei auch der Privatsphäre der Nutzer hilft.


"Hallo, die Fahrtkarte bitte" - diesen Satz hören japanische Bahnreisende im Nahverkehr quasi nie, denn deren Reisesystem unterscheidet sich grundlegend von unserem. Dort bekommen nur diejenigen Zugang zu einem Zug beziehungsweise dem umliegenden Ein- und Umsteigebereich, wenn diese vor Fahrtbeginn ein Ticket gekauft und einen überwachten Durchgang (Kaisatsu) passiert haben. Andersherum können sie die Zielstation nur verlassen, wenn sie erneut ein Kaisatsu passieren. Es wird also immer an einem Kaisatsu "eingestiegen" und an einem anderen wieder "ausgestiegen", dadurch ist theoretisch auch immer nachvollziehbar, welche Strecke jemand gefahren ist und wie hoch die Fahrtkosten dafür ausfallen - ein Prinzip, das es in ähnlicher Form auch in anderen Großstädten auf der Welt gibt. 

An japanischen Bahnhöfen in Großstädten ist jeden Tag viel los, deshalb muss auch das gesamte Bahnsystem reibungslos funktionieren

Das oben genannte Prinzip machen sich die zahlreichen Anbieter spezieller IC-Karten zunutzte. Das sind aufladbare Chipkarten, die anstelle der normalen Fahrtkarte genutzt werden. Zwar gibt es viele verschiedene Anbieter solcher Karten, abgesehen von der Bezeichnung funktionieren die Karten im Prinzip exakt gleich. Die bekanntesten Vertreter sind dabei die "Suica Card" und "Pasmo Card". Der Einfachkeit halber beschränken wir uns im Folgenden auf die Pasmo Card.

Die Nutzung der Karte

Genutzt werden kann die Karte wie folgt:

  1. Zum Eingangsbereich bzw. Kaisatsu der gewünschte Zuglinie gehen
  2. Die Pasmo Karte für ca. 1 Sekunde auf die Kontaktfläche halten, um den Startort einzuspeichern
  3. Nach einem kurzen Piepton den Kaisatsu passieren und in den Zug steigen
  4. Am Zielbahnhof erneut die Karte auf ein Kaisatsu legen, dann kann der Durchgang passiert werden
  5. Der Fahrtpreis wird vollautomatisch abgerechnet

Beim "Einsteigen" wird beim Durchgehen immer der aktuelle Guthabenstand angezeigt

Abgesehen vom Auflegen der Pasmo Card am Anfang und Ende der Fahrt muss der Nutzer nichts weiter tun. Der Zeitaufwand hierfür beträgt im Regelfall weniger als fünf Sekunden. Erwähnenswert ist aber, dass beim beim ersten Auflegen immer der aktuelle Guthabenstand abgelesen werden kann, beim zweiten Auflegen am Zielbahnhof dann der abgezogene Fahrpreis und der aktualisierte Guthabenstand. Inzwischen benutzt ein Großteil der Japaner eine solche IC-Karte, und auch viele Ausländer wissen, wie viel Zeit und Stress man mit dessen Nutzung einsparen kann. Außerdem praktisch: Die Karte funktioniert auch durch kleines Geldbeutel oder Taschen hindurch. Entsprechend ist es meist ausreichend, sein Portemonnaie auf die Kontaktfläche aufzulegen.

Beim "Aussteigen" wird der abgebuchte Betrag und der neue Guthabenstand angezeigt

Inzwischen bietet die Pasmo Card noch mehr: Man kann damit in vielen Restaurants, Convenience Stores, Supermärkten und Getränkeautomaten bezahlen, auch Busfahrten lassen sich immer häufiger bargeldlos in nur wenigen Sekunden bezahlen. Überall, wo man das passende Logo samt einer Kontaktstelle findet, kann man die Pasmo Card nutzen. Das macht die Karte zu einer mächtigen Allzweckwaffe im Alltag.

Auch abseits des Bahnverkehrs kann man mit seiner Karte kostenlos bezahlen - wie beispielsweise bei diesem modernen Getränkeautomaten

Die Anschaffung

Bezüglich der Anschaffung gibt es für die Pasmo-Karte keine Hürden: Sie kann sowohl von Japanern, als auch von Ausländern an jeder großen Bahnstation in Japan gekauft werden und ist über den Versandhandel im Grunde überall auf der Welt erwerbbar. Theoretisch ist sogar ein Gebrauchthandel mit Pasmo-Karten möglich, denn sie sind nicht personengebunden und können untereinander getauscht, verliehen oder verschenkt werden. Zu beachten ist lediglich, dass auf jeder Pasmo Card ein Pfand von 500 Yen liegt (rund vier Euro).

Viele Händler verkaufen bestimmte IC-Karten online - darunter auch einige deutsche Anbieter

Das Aufladen

Ein Großteil der Ticketautomaten in Japan erlaubt auch das Aufladen einer Pasmo Karte. Diese unterstützen in der Regel auch Englisch, sodass niemand vor lauter japanischer Zeichen in Panik verfallen muss. Wichtig ist lediglich das maximale Guthabenlimit von 20.000 Yen (ca. 160 Euro) pro Karte.

An jeder größeren Bahnstation stehen Fahrkartenautomaten, an denen die IC-Karte aufgeladen werden kann

Die Abgabe

An jeder Station, die Pasmo-Karten ausibt, können diese wieder abgegeben werden. Dabei wird das darauf befindliche Guthaben inklusive der 500 Yen Pfand ausgezahlt. Das ist vor allem für Touristen oder Geschäftsreisende interessant. Wer jedoch in absehbarer Zeit erneut in Japan sein wird, kann die Pasmo Card auch einfach mitnehmen. Nach der letzten Nutzung bleibt die Karte nämlich immer für 10 Jahre aktiv. Nach Ablauf dieser Zeit kann die Karte aber immer noch kostenlos gegen eine neue, aktivierte Pasmo Card inklusive dem darauf befindlichen Guthaben getauscht werden.

Die Kaisatsu-Durchgänge gibt es quasi an jedem Bahnhof in Japan. Manchmal sind einige von ihnen für den Gegenverkehr gesperrt, um den Personenfluss zu optimieren.

Der Datenschutz

Ein großer Vorteil der Pasmo Card ist der Umgang mit der Privatsphäre. Wie zuvor erwähnt, ist die Karte vollkommen neutral nutzbar, ohne dass persönliche Daten des Nutzers gespeichert werden. Die Karte könnte auch problemlos täglich den Besitzer und den Einsatzort wechseln und würde einwandfrei funktionieren, solange genügend Guthaben vorhanden ist. Das ist auch der Beweis dafür, dass Aspekte wie Zeiteinsparung und Komfortgewinn nicht zwingend mit der Preisgabe sensibler Informationen einhergehen müssen.

Selbst die Bahnsteige sind an großen Stationen mit Durchgängen ausgestattet, die sich nur nach Ankunft eines Zuges öffnen

Auf Wunsch lassen sich IC-Karten auch auf eine individuelle Person registrieren. Das kann notwendig werden, wenn ein Zeitticket für eine bestimmte Strecke oder einen ganzen Bereich hinzugefügt werden soll. Auch eine Verknüpfung mit einem Kreditkartenkonto ist so möglich, um die Karte komplett bargeldlos und ohne Guthabenlimit zu nutzen. Zwigend notwendig ist diese Registrierung aber nicht.

Fazit

Auch wenn sich der deutsche Nahverkehr deutlich vom japanischen unterscheidet, würde das IC-Kartensystem auch hierzulande große Vorteile für alle Bahn- und Busreisenden mit sich bringen. Zwar arbeiten auch deutsche Betreiber stellenweise an der Einführung bargeldloser Tickets. Allerdings ist zweifelhaft, ob in naher Zukunf ein flächendeckendes und vor allem einheitliches System etabliert werden kann. Solange dies nicht der Fall ist, werden uns die Japaner zumindest in diesem Gebiet weiterhin überlegen sein.

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Karim Ammour

Datum:
31.03.2018 | 11:19 Uhr
Rubrik:
Unterwegs
Tags:
Bahn bargeldlos Japan Kaisatsu Karte Metro Pasmo Suica Ubahn Zahlung

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