Feature: 1000 Euro für ein Smartphone - warum dieser Irrsinn gestoppt werden muss

Die ersten Hersteller haben begonnen, für ihre Smartphone-Topmodelle hohe Summen von 1000 Euro und mehr zu verlangen. Das ist Irrsinn und für den Endverbraucher ein äußerst gefährlicher Trend. Und trotzdem sehen die Preise nur eine Richtung: nach oben.


Apple ließ zur diesjährigen WWDC-Konferenz die Katze aus dem Sack und präsentierte ein iPhone, das vieles ändern soll. Und eines hat das neue iPhone X womöglich schon geändert: Das Preisniveau kommender Topmodelle von den führenden Herstellern. Um fair zu sein: Auch Samsung kratzte mit dem Galaxy Note 8 an der 1000er-Marke, LG arbeitet ebenfalls daran. Doch wie kann es sein, dass Apples Flaggschiff, welches vor wenigen Jahren noch nagelneu für 629 Euro zu haben war, inzwischen mehr als das Doppelte kostet?

Da ist schon der Übeltäter: Das iPhone X 256GB für 1319 Euro

Wirft man einen Blick auf die Preisentwicklung des iPhone, fällt vor allem eines auf: Das Niveau stieg über die Jahre kontinuierlich an, nahm aber nie ab. Das iPhone 4, welches hierzulande als allererstes iPhone überhaupt ohne Zwangsvertrag bei der Telekom gekauft werden konnte, schlug mit 629 Euro zu Buche. Schon damals gab es viel Kritik darüber, wie man für ein Mobilgerät so viel Geld ausgeben kann. Doch Highend-Technik in Form eines perfekt funktionierenden Smartphone rechtfertigt den hohen Preis, hieß die Antwort. Dabei liegen die Fertigungskosten des iPhone 4 bei nur 188 US-Dollar, mit dem jetztigen Wechselkurs umgerechnet sind das 158 Euro.

Es geht weiter: Das iPhone 5 kostete bei der Markteinführung 679 Euro, das iPhone 6 schon 699 Euro und das iPhone 7 wanderte für 759 Euro über die Ladentheke. Und nun kommt das iPhone 8 für 799 Euro. Gebenüber dem 4er-Modell sind das fast 30 Prozent mehr. Auf der Gegenseite lässt sich immerhin sagen, dass die Fertigungskosten bis hin zum iPhone 7 um 26 Euro gestiegen sind und die Inflantion in dem Zeitraum für eine Verteuerung von grob gerechnet rund acht Prozent im Euroraum gesorgt hat.

Unvorstellbar, aber wahr: Das war vor wenigen Jahren noch Highend

Doch im Gegenzug hatte Apple über die Jahre immer mehr Geräte pro Zeitperiode verkauft, womit der Gesamtgewinn stetig anstieg. Dabei ist die Marge pro verkauftem Gerät von Anfang an sehr hoch angesetzt worden. Das Ergebnis der hohen Verkaufszahlen sieht man in dem massiven Börsenkonstrukt, zu dem sich das Unternehmen entwickelt hat. Man hätte also die Preise mit Leichtigkeit deutlich senken können, ohne dass sich der Gewinn überhaupt schmälert. Doch man darf sich nichts vormachen: Apple ist ein gewinnorientiertes Unternehmen und nutzt die Zahlungsbereitschaft der Kunden liebend gerne aus.

Das neue iPhone X dürfte bei der Herstellung zwar etwas teurer sein, doch selbst wenn das Topmodell 300 Euro in der Fertigung kostet, würde Apple mit jedem verkauften Gerät über 400 Prozent des Preises wieder umsetzen. Aber gut, auch das kommt wahrscheinlich nicht an die Marge heran, die Apple mit seinem 300-Euro-Bilderbuch einnimmt.

Mittlerweile zeigt sich eine deutliche Beschleunigung des Aufwärtstrendes bei den Gerätepreisen. Das iPhone X wird in Deutschland ab 1150 Euro zu haben sein, mehr Speicher kostet 170 Euro extra und die Versicherung Applecare+, mit der die Herstellergarantie von einem auf zwei Jahre erhöht wird, nochmal 230 Euro. Und nun kommt's: Eines der Hauptfeatures der neuesten iPhone-Generation, nämlich das Schnellladen, funktioniert vermutlich nur mit zusätzlichem Zubehör, welches 84 Euro kostet. Möchte man das beste Nutzererlebnis, müsste man hierfür zusammen 1634 Euro hinblättern.

Davon träumen viele Hersteller: 1,2 Milliarden verkaufte Geräte

Das iPhone X ist ein schöner Beweis dafür, dass es Apple inzwischen nicht mehr um Innovation geht (Kritiker behaupten das schon seit Jahren), sondern das Melken der noch zahlungsstarken Kundschaft. Anders gesagt: Nachdem Apple bis jetzt schon über 1,2 Milliarden iPhones verkauft hat, ist der Markt an vielen Stellen gesättigt. Wenn der Gewinn steigen soll, obwohl die Zahl der Kunden nicht mehr steigen kann, muss man eben an der Preisschraube drehen. Und Apple hat so viel Marktmacht, dass man hier nicht nur ein bisschen, sondern gewaltig gedreht hat.

Man könnte damit argumentieren, dass es doch legitim sei, bei einem brandneuen Gerät mit innovatien Ideen den Preis anzuheben. Doch das allererste iPhone war auch eine wirkliche Innovation, ohne aber mehr als Tausend Euro zu kosten. Die stetige Weiterentwicklung eines technischen Geräts muss absolut selbstverständlich sein und nicht ständig als Neuheit zum immer höheren Preis verkauft werden.

Hübsch ist das neue iPhone X definitiv, doch der Schein trügt in gewisser Weise

Zumindest kann Apple aber geschickt darüber hinweg täuschen, dass das iPhone 8 in Wahrheit nur ein iPhone 7 mit leicht verbesserter Hardware ist, quasi ein iPhone 7S. Und das iPhone X ist währenddessen die tatsächlich merkbare Weiterentwicklung - das wirkliche iPhone 8, welches aber nicht so viel wie ein "normales" iPhone kostet, sondern weit über eintausend Euro.

Obwohl Apple nicht das einzige Unternehmen ist, welches immer höhere Preise ansetzt, kann man die Kalifornier diesbezüglich als Stellvertreter ansehen und auch als Beispiel, dem selbst Konkurrenten wie Samsung gerne folgen. Bei den Koreanern kann man sich die Rechnerei sparen, dafür musste Apple schon als Negativbeispiel herhalten. Aber auch ohne genauen Zahlenbeispiele kann man beobachten, wie das Galaxy S8 und nun auch das Note in den letzten Jahren erheblich teurer wurden. Für das Topmodell Note 8 verlangt Samsung inzwischen 999 Euro - das erste Note kostete noch rund 600 Euro. Und auch Samsung weiß, dass man mit zusätzlichem Zubehör ordentlich verdienen kann.

Nein, das ist kein reines Apple-Bashing: Auch andere Hersteller wie Samsung müssen Kritik einstecken

Für den Endnutzer, der sich diese Strategien gefallen lässt, gibt es dabei wenig zu gewinnen. Denn verkaufen möchten die Hersteller ihre Geräte ohnehin, notfalls zu einem geringeren Preis. Merken diese jedoch, dass man den Nutzer zum Narren machen kann, werden sie den Preis vermutlich anheben und zwar so weit, bis genügend Leute zu Alternativen greifen. Und zwar jene, die mehr Innovation für's Geld bieten.

Dies ist ein Feature-Artikel, der die persönliche Meinung des Autors wiederspiegelt. Er stellt nicht zwingend die Ansicht der gesamten Redaktion dar.

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