Feature: Warum ich mir keinen Amazon Alexa ins Zimmer stellen werde

Smart Speaker sind stark im Kommen - dieser Satz ist schon unzählige Male genannt worden. Vor allem Amazon hat mit seinem Sprachassistenten Alexa den Markt erst richtig zum Leben erweckt. Der IT-Konzern schien aber alles dafür getan zu haben, dass genau dieser Assistent am wenigsten für mich in Frage kommt. Ein Feature-Artikel von Karim Ammour.


Immer mehr Menschen, vor allen Dingen in den USA, sind an intelligenten Lautsprechern interessiert und haben sogar den Schritt gewagt, ein solches Gerät in den eigenen vier Wänden aufzustellen. Verantwortlich für den Trend ist besonders Amazon, der mit dem "Echo" schon Ende 2014 einen KI-Assistenten im Angebot hatte. Google startete erst 2016 mit dem gleichnamigen Assistenten, der mit dem Google Home etwas später auch in eigenständiger Form auftrat.

Der Klassiker unter den Sprachassistenten: Amazon Alexa (Echo)

Neuen Prognosen zufolge ist der Markt für Smart Speaker der am schnellsten wachsende in der Tech-Branche noch vor AR/VR-Geräten und Wearables. Amazon Alexa und Google Assistant und deren Verkörperungen Echo und Home kommen also langsam, aber sicher in der breiten Öffentlichkeit an. Es dürfte folglich nur eine Frage der Zeit sein, bis solche Assistenten auch in den Millionen deutschen Haushalten vorzufinden sind. Es gibt aber entscheidende Gründe dafür, warum die Anschaffung eines solches Geräts wohlüberlegt sein sollte. Das fängt bem vielmals kritisierten Datenschutz an, endet dort aber längst nicht. Aus diesem Grund werde auch auf Assistenten wie Amazon Alexa möglichst verzichten.

Bequemlichkeit kann Unsummen kosten

Ich stehe neuartiger Technik generell offen gegenüber, weil ich technischen Fortschritt für richtig und oft auch notwendig erachte. Problematisch wird es aber, wenn diese Technik mit den Rechten von Menschen in Konflikt kommt. Im Falle von Sprachassistenten ist es die Stimme beziehungsweise das gesprochene Wort, das in Augen vieler Datenschützer zur Gefahr werden kann.

Bekanntlich speichern die Sprachassistenten jede Konversation zunächst zeitlich unbegrenzt auf jeweiligen Servern, die oft nicht in Deutschland stehen, sondern in anderen Ländern wie den USA. Google und Amazon versprechen zwar, dass die aufgenommenen Daten nur nach dem Aufrufen des Aktivierungsworts ("OK Google" und "Alexa") senden. Doch selbst wenn dies stimmt, haben auch schon technische Fehler oder ungünstige Situationen dazu geführt, dass persönliche Daten im Hintergrund weitergesendet wurden. Bedenkt man, dass die Geräte über hochsensible Mikrofone verfügen, die selbst leise Geräusche aus größeren Entfernungen aufnehmen, spricht das nicht gerade für Sicherheit dieser Systeme.

Smarte Lautsprecher wie der Echo Dot sind oft kaum größer als ein Smartphone

Oft höre ich in Internet-Debatten das Argument, dass man ja selbst nichts zu verbergen habe. Und außerdem nutzen viele Leute ohnehin Smartphones und Co, die ebenfalls persönlichen Informationen aufzeichnen. Zu ersterem Satz sei gesagt, dass wichtige Gesetze wie das Recht auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung auch dann gelten, wenn sie einigen Personen egal sind. Schließlich darf man auch nicht frei mit Raubkopien Geld verdienen, selbst wenn es einigen Künstlern egal ist, ob deren Werke kommerziell weiterverwendet werden oder nicht.

Den zweiten, häufig genannten Satz beantworte ich mit einer Gegenfrage: Ist es für einen Alkoholsüchtigen ok, sich weiteren Drogen wie Zigaretten (Tabak) oder sogar Heroin hinzugeben, weil er ja ohnehin schon drogensüchtig ist? Die Antwort dürfte eindeutig sein. Genauso kann man zwar ein Smartphone nutzen, aber trotzdem dagegen sein, weitere Geräte anzuschaffen, die noch mehr sensible Daten sammeln.

Derzeit mögen die Sprachassistenten noch vergleichsweise "dumm" sein, doch in einigen Jahrzehnten ist es gut möglich, dass solche KIs mindestens so intelligent wie der Besitzer oder sogar noch weiter entwickelt sind. Der Übergang ist dabei fließend und wahrscheinlich so schleichend, dass ihn viele Menschen nicht einmal bemerken werden. Kombiniert mit der Tatsache, dass diese Assistenten im intimsten Lebensraum, nämlich dem eigenen Zuhause, eingenistet sind.

Unternehmen wie Google stecken Unmengen an Geld in die KI-Forschung

Man kann den Unternehmen natürlich trauen und darauf hoffen, dass die eigenen Informationen auf den jeweiligen Servern sicher sind. Überprüfen kann das aber niemand. Außerdem haben auch Regierungen Interesse an den Daten ihrer Bürger: Je mehr solcher Informationen verfügbar sind, desto mehr werden auch genutzt. Es mag zwar legitim erscheinen, wenn dies beispielsweise zur Verbrechensbekämpfung hilfreich genutzt wird, doch leidet dafür die Freiheit jedes einzelnen Bürgers. Und zwar auch in Deutschland.

Schon jetzt reicht es aus, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein, um von der Polizei in einer internen Verdächtigendatei gespeichert zu sein - selbst wenn man komplett unschuldig ist. Gefährlich sind aber auch mögliche Datenlecks beziehungsweise Sicherheitslücken, die sich Kriminelle zu Nutze machen können. Man bezahlt also indirekt für seine Bequemlichkeit mit einem Risiko des Missbrauchs, das mit dem zunehmenden technischen Fortschritt immer weiter ansteigt. Das klingt abstrakt, macht es aber nicht weniger gefährlich.

Ein feministischer Spion mit wenig Kompromissen

Technische Medien dienen quasi seit Anbeginn der Unterhaltung des Menschen. Wir können über die digitale Welt immer besser in Welten abtauchen, die uns sonst verschlossen blieben. Wo im echten Leben könnte man ein mittelalterliches Königreich aufbauen, im Krieg Menschen töten und gleichzeitig mit unzähligen Frauen oder Männern virtuellen Sex haben? Richtig, mit Unterhaltungsmedien wie Filmen und Videospielen.

Was hat das nun mit Sprachassistenten zu tun? Die Antwort ist: Auch künstliche KIs sollen den Zweck erfüllen, uns das Leben angenehmer zu machen und auf Wunsch auch Möglichkeiten zu bieten, die ohne sie verschlossen sind. KIs sind nichts anderes als Roboter ohne Geschlecht oder Gefühle. Nun hat Amazon aber bekannt gegeben, dass sich der Sprachassistent Alexa als "weibliche Feministin" sieht, die mit Respekt behandelt werden will. Amazon sieht auch vor, dass der Nutzer mit seinem Echo-Gerät nicht so sprechen soll, wie er es möchte, sondern wie es Alexa für richtig hält - gegebenenfalls verweigert die KI sogar eine Antwort, falls die Frage nach Ansicht von Amazon unpassend klingt.

Ich persönlich setze mich stark für Freiheit und rechtliche Gleichstellung aller Menschen unabhängig von Geschlecht oder anderen körperlichen Merkmalen ein. Selbst Personen, die meiner Meinung wiedersprechen, sind im Grundsatz darin eingeschlossen. Genauso setze ich mich aber für des Freiheit des Menschen ein - es darf nichts verboten werden, was keinem anderen Menschen schadet. Genau deshalb kritisiere ich die Haltung von Amazon, denn das Aufzwingen einer bestimmten politischen Haltung gegenüber einem technischen Gerät halte ich für untragbar. Das Gerät soll sich im Optimalfall auf die eigenen Bedürfnisse anpassen und nicht bewusst manipuliert werden, um vom Benutzer selbst eine Anpassung zu erzwingen.

Auch interessant: Die Aussage Trumps, er sei kein Feminist, sondern für Männer und Frauen gleichermaßen, sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Ich habe als Reaktion von einigen Feministen gesagt bekommen, dass jemand, der mit einer KI schlecht umgeht, auch mit echten Frauen tendenziell eher schlecht umgeht. Doch mit dem selben Argument wird schon seit Jahren versucht, "Killer-Spiele" zu verbieten, also all jene Games, in denen Menschen verletzt oder getötet werden, weil die Spieler ja dann auch im echten Leben geneigter sind, Menschen zu ermorden. Die große öffentliche Debatte darüber haben wir in Deutschland glücklicherweise hinter uns, doch es gibt immer noch Kritiker, die ihren Anspruch mit dieser Schlussfolgerung untermauern. Außerdem unterstützen Assistenten wie Siri auch männliche Stimmen - muss man sich als Frau also denselben Vorwurf im Umgang mit Männern gefallen lassen?

Als Leser könnte man mir nun unterstellen, dass die Prinzipienreiterei an dieser Stelle immens ist. Ich könnte ja einfach auf einen Kauf verzichten und damit wäre die Sache für mich erledigt. Problematisch ist allerdings, dass Amazon als großer Marktführer mit seinem Sprachassistenten Millionen von Menschen erreicht. Und mit Voranschreiten der KI-Forschung werden die Assistenten - wie schon erwähnt - immer schlauer. Die Unternehmen werden also immer mehr in der Lage sein, unser Verhalten als Menschen zu prognostizieren und zu beeinflussen. Und genau hier setzt der massive Konflikt mit der eigenen Freiheit an, für den sich Amazon auch noch medial feiern lässt.

Google verfolgt hier aus meiner Sicht den besseren Ansatz und sieht seinen Assistenten als neutral. Aber natürlich ist auch der Suchmaschinenanbieter auf möglichst viele Daten aus, was an dieser Stelle nicht verharmlost werden soll. Und Alternativen sucht man derzeit vergeblich, weil es hohe Investitionen erfordert, um einen praxistauglichen Sprachassistenten auf die Beine zu stellen.

Ein kurzes Fazit

Mit dem Appell "Kauft keine Sprachassistenten" wäre sicherlich niemandem geholfen. Denn KIs wie Alexa und Google Assistant rücken immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit und werden immer vielseitiger eingesetzt. Jedoch sollte man sich als Nutzer langfristig möglichst nach Alternativen umsehen, die lokal arbeiten, sodass die Datenhoheit nicht beim Anbieter (und dessen Server) liegt, sondern beim Besitzer selbst. Im Zweifelsfall soll der Datenaustausch in die Cloud möglichst auf das Minimum reduziert werden. Außerdem muss sichergestellt werden, dass die Technik politisch neutral bleibt und unsere individuellen Bedürfnisse möglichst passend abdeckt, ohne uns selbst zum Opfer einer politischen Meinungsadaption zu machen. Dann können auch Personen wie ich, die sich für den Datenschutz und Freiheit einsetzen, mit gutem Gewissen einen Sprachassistenten empfehlen.

Dies ist ein Feature-Artikel, der die persönliche Meinung des Autors wiederspiegelt. Er stellt nicht zwingend die Ansicht der gesamten Redaktion dar.

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