Feature: Chieftec HF-200 SL Passiv-Gehäuse im Vorab-Test

Fernab aller offiziellen Gehäuse für Endkunden, bietet Chieftec mit dem HF-200 SL ein Modell an, das sich in das gehoben HTPC-Segment einreiht und gänzlich ohne aktive Belüftung auskommt. Somit ermöglicht das vollständig aus Aluminium gefertigte Case den geräuschlosen Betrieb, da auch der Prozessor und die Grafikkarte mit dem HF-200 SL verbunden werden können. Bisher verkauft Chieftec das Gehäuse nicht an Endkunden, sondern beliefert exklusiv den Systemintegrator Deltatronics. Wir dürfen die interessante Gehäuse-Alternative dennoch näher anschauen.


Im Portfolio von Chieftec finden sich viele günstige Mini-Gehäuse für platzsparende ITX-Systeme. Doch ein wirklich interessantes Produkt ist für Endkunden nicht aufgeführt und nur schwer erhältlich - das HF-200 SL. Dieses exklusive Modell grenzt sich gänzlich von den recht einfach gehaltenen ITX-Gehäusen wie beispielsweise dem neuen IX-03B ab, denn Chieftec fertigt den gesamten Korpus aus dem hochwertigen Werkstoff Aluminium und konstruiert das Gehäuse so, dass ein Prozessor sowie eine Low-Profile-Grafikkarte passiv betrieben werden können. Dadurch bietet sich die Möglichkeit, ein System zu erstellen, das gänzlich lautlos arbeitet. Dennoch kann das HF-200 SL mit weiteren Besonderheiten aufwarten, die gerade für HTPCs essentiell sind.

Obwohl das vorliegende Gehäuse nicht offiziell für Endkunden erhältlich ist und vorerst nur bei Komplettsystemen von Deltatronic zum Einsatz kommt, wollen wir uns das Modell näher anschauen. Wir finden, dass Chieftec mit dem HF-200 SL eine interessante Basis und Alternative für 0-Dezibel-Systeme in petto hat, doch ob es auch für den Massenmarkt taugen würde, ohne, dass zu viele Kompromisse eingegangen werden müssen, wollen wir in diesem Feature-Artikel näher erläutern.

Lieferumfang

Da es sich bei unserem Muster des HF-200 SL um ein Modell handelt, das eigentlich nur an Sales-Partner vergeben wird, verwundert die neutrale Verpackung nicht. Zum Lieferumfang gehören dennoch alle nötigen Bestandteile, um ein komplettes System aufzubauen. Neben der mehr als ausreichenden Menge Wärmeleitpaste samt -Pads, finden sich zahlreiche Schrauben, die Heatpipe-Konstruktion zur Verbindung der CPU mit der Gehäusewand und das Netzteil als Beilage im Paket. Ein passender Aufbau, um die Grafikkarte mit dem entsprechenden Gehäuse-Part zu verbinden fehlt in unserem Fall und ist sicherlich optional erhältlich. Zudem st es in Zeiten von APUs wie beispielsweise Kaveri nicht zwingend erforderlich eine Grafikkarte zu betreiben.

Spezifikationen

HerstellerChieftec
NameHF-200 SL
FormfaktorMini-ITX
Laufwerke1x 2,5 Zoll / 1x 5,25 Zoll Slot-In
Maße (B×H×T)294 x 108 x 273 Millimeter
Front-AnschlüsseUSB 3.0, Card-Reader (SD/MMC, Micro-SD, XD, MS/PRO/DUO, CF)
Erweiterungs-Slots1 (Low Profile)
LieferumfangSchraubensets, Werkzeug, Kühler, Wärmeleitpaste, Wärmeleipads, Kabelbinder
Kühlleistung (Prozessoren)65 Watt TDP

Erscheinungsbild

Das Chieftec HF-200 SL würde so manch einer nicht zu einem Gehäuse von Chieftec zählen, denn Design und Aufbau passen nicht zu den bekannten Produkten des Herstellers. Vielmehr reiht sich das vorliegende Modell durch die edel wirkende Gestaltung in der Oberklasse der HTPC-Behausungen ein. Bereits die Front wirkt durch die massive Aluminiumplatte ansprechend. An dieser Stelle implementiert der Hersteller trotz der geringen Abmaße des gesamten Gehäuses von 294 x 108 x 273 Millimetern einen Einschub für Slot-In-ODDs und integriert sogar einen multifunktionellen Card-Reader, neben dem ein USB-3.0-Port sitzt. Dadurch ist der Genuss von Fotos, Videos und Filmen von unterschiedlichen Quellen problemlos möglich.

Die Oberseite, über die der Zugang zum Innenraum erfolgt, weist einige Lüftungsschlitze auf, um den Luftein- sowie Austritt zu ermöglichen und somit einen Hitzestau zu verhindern. Der ebenfalls aus Aluminium gefertigte Deckel, lässt sich durch das Entfernen von vier Schrauben leicht entfernen.

Bereits auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass die beiden Seiten des HF-200 SL die Kühlung übernehmen: Über eine Heatpipe-Konstruktion im Inneren wird die entstehende Hitze des Prozessors an die Gehäusewand abgegeben und letztlich durch die geriffelten Finnen an die Umgebung abgeleitet. Rein optisch konnte Chieftec die Kühlung unserer Meinung nach anständig lösen.

Rückseitig gesehen offenbart selbst das vergleichsweise außergewöhnliche Silent-Chassis von Chieftec logischerweise keine überraschenden Besonderheiten: Neben dem Platz für das I/O-Shield vom Mainboard sowie dem Erweiterungsslot für Low-Profile-Steckkarten, lässt sich schließlich nur der Anschluss für das beiliegende Notebook-Netzteil erblicken.

Entgegen der hochwertigen Materialwahl des restlichen Korpus, setzt Chieftec bei der Unterseite auf Kunststoff, der sich leider im Bereich des Card-Readers leicht eindrücken lässt. Ansonsten versieht Chieftec das HF-200 SL passenderweise mit vier soliden Füßen in HiFi-Optik, die allemal gut zum Gesamtbild passen.

Innenaufbau

Trotz der geringen Gehäuseabmessungen konnte Chieftec einen durchdachten Innenraum gestalten und den verfügbaren Platz sinnvoll nutzen. Wichtig bei der Konstruktion des HF-200 SL war sicherlich die Positionierung der Hautplatine, um eine passive Kühlung des Prozessors mit einer passgenauen Vorrichtung zu ermöglichen. Letztere legt der Hersteller in zwei Varianten bei, um nicht nur konventionelle Mainboards mit optionaler CPU zu unterstützen, sondern auch den Einbau einer Hauptplatine mit Onboard-Prozessor zu ermöglichen. Aus Platzgründen und um die Zero-Noise-Ausrichtung des Gehäuses fortzuführen nutzt Chieftec ein lüfterloses, externe Netzteil, dessen kleine 12-Volt-Wandlerplatine seitlich im hinteren Abschnitt des Innenraums untergebracht wurde. Aufgrund der Wahl eines solchen Netzteils ist die Power in der Regel auf 120 Watt begrenzt. Chieftec selbst legt ein 90 Watt starkes Netzteil bei. Dennoch sind auch PSUs auf dem Markt zu finden, die sogar bis zu 160 Watt bereitstellen könnten.

Da bereits das Mainboard viel Platz einnimmt, sieht Chieftec eine spezielle Anordnung des Datenträgers vor: 2,5 Zoll große HDDs oder bestenfalls SSDs sind an der linken Seite vertikal zu verbauen, sodass sogar eine passive Kühlung erfolgt. Größere 3,5-Zoll-HDDs passen leider nicht ins Gehäuse. Über dem Mainboard kann bei Bedarf ein Slot-In-Laufwerk auf einem modularen Halter platziert werden.

Einbau der Hardware

Aufgrund der geringen Platzverhältnisse ist ein umständlicher Einbau der Hardware zu erwarten, doch dem können wir getrost widersprechen. Zwar war das Installieren des Testsystems mit einigen Hürden verbunden, dennoch sind diese mit etwas Geschick zu überwältigen.

Zuerst sollte der Prozessorkühler auf der CPU verschraubt und dann das Mainboard in das Gehäuse eingesetzt werden. Anschließend kommt der Arbeitsspeicher an die Reihe, der normalerweise vor der Installation der Hauptplatine aufgesteckt werden kann. Leider liegt ein RAM-Slot und die  Befestigungsschraube des Passivkühlers an der Gehäusewand auf einer Linie, sodass der Einbau des zweiten Arbeitsspeicher-Riegels nur mit viel Kraftaufwand möglich ist. Wir entschieden uns, das System ohne das RAM-Modul im zweiten Slot in Betrieb zu nehmen, da die mechanische Belastung auf Dauer zu groß ist. Eine entsprechend kürzere Rändelschraube würde hier bereits helfen.

Ist das Bestücken des Mainboards mit dem Speicher abgeschlossen, steht das Verkabeln an. Dieser Schritt ist durch die kurz bemessenen Leitungen an der Wandlerplatine nur schlecht durchzuführen. Grund dafür sind die teils zu kurz geratenen Kabelstränge. Da der ab Werk verbaute Stromspender mit seinen 90 Watt ohnehin nicht die benötigten Anschlüsse liefert und so kein Betrieb des Systems möglich ist, mussten wir auf eine weniger komfortable Lösung setzen: Wir haben ein SFX-Netzteil genutzt und die Kabelstränge durch die Öffnung des Erweiterungs-Slots hindurchgeschoben. An diesem Punkt sollte sich Chieftec überlegen, eine stärkerer Wandlerplatine beizulegen, die neben dem 24-Pin-ATX- auch einen zusätzlichen 4-Pin-EPS-Anschluss bereitstellt. Immerhin verfügt jedes halbwegs moderne Mainboard mindestens über einen 4-Pin-EPS-Anschluss, der auch vom Netzteil mit Energie versorgt werden muss.

Wichtig ist auch das Verbinden des Anschlussterminals inklusive des Card-Readers mit dem Mainboard. Leider ist das Kabel deutlich zu kurz geraten, weshalb wir den Stecker nicht mit der Hauptplatine verbinden konnten. An dieser Stelle sollte dringend nachgebessert werden.

Trotz einiger Hürden kann ein durchschnittlicher Nutzer mithilfe einer Montage-Einleitung ohne weiteres sein eigenes, passives HTPC-System ins HF-200 SL verbauen. Voraussetzung ist natürlich entsprechende Hardware, die mit dem Kühlkonstrukt des Gehäuses kompatibel ist. Insbesondere beim Mainboard sollte auf die Sockelposition geachtet werden. Befindet sich selbiger nämlich zu weit oben, dann lassen sich die Passivkühlkorper nicht richtig nutzen, was bei einem Testmainboard von Asrock der Fall war. Vor dem Kauf wäre es also ratsam besonders auf die Position des Prozessors acht zu geben. Ein passendes Produkt liefert Asus mit dem H87i Plus ab.

Messungen und Eindrücke

Da wir es im Falle des HF-200 SL von Chieftec mit keinem konventionellen Modell für den Massenmarkt zutun haben, das zudem spezielle Hardware fordert, ist klar, dass wir unser normales Testsystem nicht verwenden können. Stattdessen haben wir auf ein H87I Plus von Asus zusammen mit einem Intel Pentium G3220 gesetzt. Letzterer rechnet mit einer Geschwindigkeit von 3.000 Megahertz und ist mit einer maximalen TDP von 53 Watt spezifiziert. Als Obergrenze gibt Chieftec allerdings 65 Watt TDP für den passiven Betrieb an. Zwar reizt die die gewählte CPU das HF-200 SL nicht voll aus, heizt dem Case aber genügend ein. Die Grafikausgabe übernimmt die integrierte GPU in Form der HD4000. Als Datenträger kommt eine 120 Gigabyte große Samsung SSD 840 Basic zum Einsatz. Da, wie schon zuvor erwähnt, ein Betrieb des Systems mit dem werksseitig verbauten Netzteil nicht möglich ist, haben wir ein SFX-PSU von be quiet! mit einer Leistung von 350 Watt als Ausweichlösung genutzt, um die Kühlleistung des Gehäuses zu ermitteln.

Die Testkomponenten in der Übersicht:

  • CPU: Intel Pentium G3220 @3,0 GHz / 53 Watt TDP
  • Grafikkarte: onboard iGP (HD4000)
  • Mainboard: Asus H87I-Plus
  • Festplatte: SSD 840 basic 120 GB
  • RAM: Kingston HyperX 
  • Netzteil: be quiet! SFX 350 Watt

Bei unseren Leistungstests haben wir auf die Ermittlung von Lautstärkewerten verzichtet, da ohnehin kein Lüfter im System verbaut ist. Die Temperaturmessungen wurden bei einer Raumtemperatur von 20 Grad Celsius vorgenommen. Zur Ermittlung der Werte wurde das System mithilfe des kostenlosen Tools Prime 95 rund zwei Stunden belastet. 

Der interessanteste Teil bei der näheren Betrachtung des HF-200 SL von Chieftec ist natürlich die Kühlleistung. Massive Kühlfinnen am Exterieur sowie eine durchaus sehenswerte Kühlkonstruktion sollen anscheinend mehr als genug sein, um unseren Intel Pentium G3220 kalt zu stellen. Und tatsächlich konnte das passive Gehäuse unser System absolut lautlos in einem hervorragenden Temperaturbereich halten:

CPU - Idle35,5 °C
CPU - Last66,0 °C
SSD27,0 °C
PCH (Mainboard)44,0 °C

So erreichte der Prozessor im Leerlauf eine Temperatur von sehr guten 35,5 Grad, während die unter Volllast erreichten 66 Grad Celsius keineswegs als  kritisch zu betrachten sind. Zudem arbeitete die SSD stets bei einer angenehmen Betriebstemperatur von nur etwa 27 Grad. So gesehen hat Chieftec hinsichtlich des Kühlsystems ganze Arbeit geleistet. Unter Umständen wäre sogar wortwörtlich Luft nach oben, sodass beispielsweise ein stärkerer Prozessor mit einer höheren TDP lautlos gekühlt werden kann. Offiziell werden CPUs mit einer maximalen TDP von 65 Watt unterstützt.

Fazit

Mit dem HF-200 SL hat Chieftec ein wirklich potentes Produkt in der Hinterhand, das sich unter ambitionierten HTPC-Nutzern großer Beliebtheit erfreuen könnte, sofern das Gehäuse für den Endkundenmarkt angepasst und angeboten würde. In unseren Augen geht der Hersteller mit seiner neuesten Kreation eindeutig den Weg in die richtige Richtung. Ein zeitloses Design, eine vorbildliche Verarbeitung sowie eine durchdachte Kühllösung sind gute Ansätze, die das Unternehmen auf jeden Fall aufgreifen und verfeinern sollte. Kleinere Unstimmigkeiten, die den Gesamteindruck etwas trüben, sind eher auf den Umstand zurückzuführen, dass das Case lediglich für Systemintegratoren vorgesehen ist. Sofern Chieftec an einigen Punkten optimiert, könnte das HF-200 SL unserer Meinung nach zu einer echten Alternative im HTPC-Segment werden.

In Zeiten von Kaveri würden wir uns außerdem einen passenden Kühler für AMD-Sockel wünschen, denn mit den neuen APUs und dem HF-200 SL lässt sich mit Sicherheit ein performantes, lautloses und platzsparendes System erstellen, das sogar für das ein oder andere Spiel taugt. 

Wir hoffen, dass Chieftec das Potenzial des HF-200 SL erkennt und eine entsprechende Variante für den Endkundenmarkt anbieten wird, denn die hier vorgestellte Grundlage überzeugt!

Kommentare

Wusste garnicht, dass Chieftech auch so tolle Cases baut. Vom Prinzip her ne super Sache, nur das mit dem Netzteil ist natürlich mies. Da muss was anderes her.
Für ein Kaveri-System mit A8-7600 undeventueller zusätzlicher passiver Graka (XFX Radeon R7 240 Core Edition, 2GB DDR3, VGA, DVI, HDMI, passiv (R7-240A-CLH4) Preisvergleich | Geizhals Deutschland) wäre das echt fein. In den Deckel würde ich dann aber noch einen "lautlosen" Lüfter einbauen, sonst wirds mir Graka zu warm...

geschrieben am 28.01.2014 um 08:43 Uhr

Die Grafikkarte kann über einen Adapter mit der Gehäusewand verbunden werden, sodass du nicht zwangsweise eine passive Grafikkarte benötigst.

geschrieben am 28.01.2014 um 12:34 Uhr

Danke für die Info, Holger. Jetzt muss Chieftech das Case nur noch für Endkunden freigeben! :)

geschrieben am 28.01.2014 um 13:29 Uhr

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